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Renè Magritte, La chiave di ghiacco, 1959
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“Zu klären ist alsogleich, daß die Gesellschaft, die sich aufwirft gegen uns mit ihren Anmaßungen und Zumutungen, nicht unsere Welt ist, nur das Material zu dieser. Die Sozietät, eine jede wohlverstanden, ist mir gegenüber eine Anzahl von Verrichtungen anderer und meiner selbst, dergestalt aber, daß meine eigenen Verrichtungen in ihr mir ebenso fremd sind wie die der Mitspielenden. Ich kann von diesem Material etwas aufnehmen und zum Teil meiner Person machen. Anderes kann ich abweisen, wie violent es mich auch bedränge. Es gilt nur das von mir Aufgesaugte, der Rest ist scheußliches Exkrement. Begebe ich mich im Vollzug der Abstoßung des Abstoßenden schon des Realitätsprinzips, dessen Verbindlichkeit allgemein ist? Man darf wohl nur beteuern: Ich habe es nie vollkommen besessen, wenn selbstverständlich ich mich ihm auch fügte, denn ich bin nicht wahnsinnig. Hier wünsche ich radikal die Demarkationslinie zu ziehen zwischen meinen Überlegungen und gewissen antipsychiatrischen Theorien, die das Realitätsprinzip als Oppressionsinstrument einer bestimmten gesellschaftlichen Ordnung ablehnen. Die Gleichung ‘Realität - kapitalistische Oppression’ ist falsch. Wahr ist vielmehr, daß die Gesellschaft als Gesellschaft allerweilen recht hat gegen uns, so wie wir als je Einzelne unter allen Umständen recht haben gegen sie. Der Widerspruch löst sich erst auf mit der Lösung - Erlösung unserer Existenz. ‘Realität’, das sprachlich vermittelte Gleichgewicht einer Unzahl von Vorstellungen, die zur Aussage gelangen und also zur Intersubjektivität, ist unabweisbar.”
Jean Améry (1976): Hand an sich legen - Diskurs über den Freitod. S. 122-123. Stuttgart: Klett-Cotta.
René Magritte, La Reproduction Interdit (Not To Be Reproduced), 1937
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René Magritte, Evening Falls II (Le Soir qui tombe), 1964
“Nur schlecht begreift, wer immer da den Gedanken des Freitods, und sei es auch nur stundenweise, sei es sogar kokett-spielerisch, zu fassen sich anschickt, die zudringliche Besorgtheit der Gesellschaft um sein Endgeschick. Sie hat, diese Gesellschaft, sich wenig gekümmert um sein Dasein und Sosein. Krieg wird angezettelt: man wird ihn einziehen und ihm aufgeben, daß er sich wohlbewähre inmitten von Blut und Eisen. Sie hat ihm die Arbeit genommen, nachdem sie ihn zu ihr erzog: jetzt ist er arbeitslos, man fertigt ihn ab mit Almosen, die er verbraucht und sich mit ihnen. Er fällt in Krankheit: nur leider, es sind zu wenig Spitalsbetten verfügbar, die kostbaren Linderungen sind rar, ihrer aller kostbarste, das Einzelzimmer, wird ihm nicht zugänglich gemacht. Erst jetzt, wo er der Todesneigung nachzugeben wünscht, wo er dem Ekel vor dem Sein nichts mehr entgegenzustellen gewillt ist, wo Dignität und Humanität ihm gebieten, die Sache sauber abzutun und zu vollbringen, was er ohnehin eines Tages wird tun müssen: zu verschwinden - nur jetzt gebärdet die Sozietät sich, als sei er ihr teuerstes Stück, umstellt ihn mit scheußlichen Apparaturen und führt ihm den höchst abstoßenden Berufsehrgeiz der Ärzte vor, die dann seine ‘Rettung’ auf ihr professionelles Habenkonto schreiben, gleich Jägern, wenn sie die Strecke des abgeschlachteten Wildes abschreiten. Sie haben ihn, so meinen sie, dem Tode abgejagt und gebärden sich wie Sportler, denen eine außerordentliche Leistung gelang.
Es geht dies wohl nicht mit rechten Dingen zu, ich meine, einerseits die kalte Gleichgültigkeit, welche die Gesellschaft dem Menschen zeigt, und die erhitzte Sorge um ihn, wenn er aus dem Verbande der Lebenden freiwillig auszutreten im Begriffe steht. Ist er ihr Eigentum? (…) Hier sei noch einmal die Frage gestellt und sei beantwortet: Wem gehört der Mensch ?”
Jean Améry (2004): Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod. S. 99-100. Stuttgart: Klett-Cotta.