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mpdrolet: Lydia Goldblatt
“…und dem Leben, das man ja eigentlich nur darum nicht mehr ertrage, weil es von Tag zu Tag kürzer werde und so gut wie sicher mit dem Tod ende, dürfe man nicht auch noch in die Hand arbeiten, indem man es sich nehme und also ihm, den man als Drohung nicht erträgt, sich ein für alle mal gebe. Man müsse […] das Leben zum Meucheln zwingen, wenn es schon morde […]. Und da stehe er nun, ein alter Mann, und warte, bis es zuschlage. Mit freiem Hals gehe er durch die Welt oder vielmehr […] durch die Umgebung von Herisau, Blitz und Donner setze er sich aus, Schneesturm und Wind, er schütze sich nicht, den Hut trage er nicht auf dem Kopf, das Gilet knöpfe er sich nicht zu, Sie, Seelig, hüllen sich in Ihren Mantel, sagte er, ich gehe schutzlos und barhaupt durch die freie Natur und warte, bis mir der Himmel auf den Kopf fällt. Aber das Leben sei feige, es nehme die Herausforderung nicht an, wie ein Gattenmörder dosiere es sein Gift, so daß man ganz langsam und elend und scheinbar an sich selber, nämlich an seinem Alter, das aber ja nur das schleichende Gift des Lebens sei, zugrunde gehe und jämmerlich eingehe und am Ende vor lauter Schwäche noch vor ihm in die Knie gehe und es anflehe, es möchte endlich vorbei sein. […] Soll es mich fällen, sagt er, soll es mich fällen, denke ich, aber es fällt mich nicht, soll es als Sturmwind über mich kommen, aber es spart mich noch aus, soll es mich brechen mit einem einzigen Schlag, wie die Tanne, die eben noch da stand, will ich hinschlagen mit Krachen und Stöhnen, aber es faßt mich mit Handschuhen an und knickt mich ganz langsam und sorgfältig, Zweig für Zweig und Ast für Ast, bis ich klein und unauffällig genug bin und schon fast nicht mehr sichtbar, und legt mich gebrochen ins Gras.”
— Jürg Amann: Verirren oder das plötzliche Schweigen des Robert Walser, Frankfurt am Main: Fischer 1983, S. 110f. (via abendgesellschaft)